Day 16

Das rote Licht am Balkon
Der 24. Dezember war der aufregendste Tag im ganzen Jahr. Ich war sechs Jahre alt und konnte es kaum erwarten, bis endlich der Weihnachtsmann kommen würde. Schon am Morgen kribbelte es in meinem Bauch wie tausend kleine Schmetterlinge.
Langsam füllte sich unsere Vier-Zimmer-Wohnung mit Menschen. Tante Lisa kam mit einem riesigen Kuchen, Onkel Klaus mit seinem lauten Lachen, Oma mit ihren weichen Umarmungen, und dann kamen noch die Cousinen und Cousins und sogar Freunde der Familie. Überall waren Menschen – auf dem Sofa, an den Stühlen, manche saßen sogar auf der Fensterbank. Es roch nach Tannennadeln, Zimt und Omas Parfum.
Das Mittagessen zog sich endlos hin. Die Erwachsenen redeten und redeten, während ich nur daran denken konnte, dass irgendwo da draußen der Weihnachtsmann unterwegs war. Nach dem Essen spielten wir Kinder, während die Großen Kaffee tranken und Kuchen aßen. Ich versuchte, nicht ständig zur Uhr zu schauen, aber die Zeit wollte einfach nicht vergehen.
Dann war es endlich so weit. Papa stand auf und zwinkerte mir zu. „Na, wollen wir mal schauen, ob wir den Weihnachtsmann finden?“
Das war unsere Tradition! Jedes Jahr gingen wir zusammen los, nur Papa und ich, um nach dem Weihnachtsmann zu suchen. Die anderen wollten lieber in der warmen Wohnung bleiben, aber ich nicht – auf keinen Fall!
Draußen lag Schnee, so viel Schnee! Die ganze Stadt war in Weiß getaucht, und die Laternen warfen gelbes Licht auf die verschneiten Straßen. Mein Atem machte kleine Wölkchen in der kalten Luft, und meine Stiefel knirschten bei jedem Schritt.
„Glaubst du, er ist im Park?“, fragte ich Papa und hüpfte aufgeregt neben ihm her.
„Wer weiß? Vielleicht macht er gerade eine Pause am See.“
Der Park lag direkt vor unserer Haustür. Im Sommer spielte ich dort jeden Tag, aber im Winter war er wie verzaubert. Die Bäume trugen schwere Schneemützen, und der See – der See war komplett zugefroren! Eine glatte, weiße Fläche, die im Mondlicht glitzerte.
Wir gingen über den gefrorenen See. Ich stellte mir vor, wie der Weihnachtsmann vielleicht hier gelandet war, wie seine Rentiere über das Eis getänzelt hatten. „Schau mal, Papa! Vielleicht sind das Hufspuren!“ Ich zeigte auf irgendwelche Muster im Schnee.
Papa lächelte. „Könnte gut sein. Wir müssen die Augen offen halten.“
Wir suchten überall – hinter den großen Bäumen, an der alten Bank, sogar am Ufer des Sees. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit. Die Kälte biss mir in die Wangen, aber das war mir egal. Ich wollte den Weihnachtsmann unbedingt finden, ihm in die Augen schauen und ihm danken.
Nach einer ganzen Weile seufzte Papa. „Komm, vielleicht war er schon bei uns zu Hause. Wir sollten zurückgehen.“
Ein bisschen enttäuscht nickte ich. Aber vielleicht hatte Papa recht. Vielleicht hatte der Weihnachtsmann unsere Wohnung schon besucht, während wir hier draußen suchten!
Wir machten uns auf den Rückweg. Ich trottete neben Papa her und dachte darüber nach, welche Geschenke wohl unter dem Baum lagen. Plötzlich blieb Papa stehen.
„Schau mal“, sagte er und zeigte nach oben.
Ich folgte seinem Blick – und da war es! Ein rotes Licht an unserem Balkon! Ein leuchtendes, warmes, rotes Licht!
Mein Herz machte einen Sprung. Das Licht war vorher nicht da gewesen, ganz bestimmt nicht! Mama und ich hatten zusammen dekoriert – das war unsere Tradition, genauso wie der Spaziergang mit Papa. Wir hatten bunte Lichterketten aufgehängt, einen kleinen Schneemann ans Geländer gestellt, aber nichts Rotes!
„Papa! Papa! Das ist Rudolfs Nase!“ Ich konnte kaum atmen vor Aufregung. „Der Weihnachtsmann ist da! Auf unserem Balkon!“
Ich rannte los, so schnell meine kleinen Beine mich tragen konnten. Der Schnee spritzte unter meinen Stiefeln auf, und Papa musste sich beeilen, um mit mir Schritt zu halten. Mein Herz klopfte so laut, dass ich meinte, die ganze Straße müsste es hören können.
Die Treppe hinauf nahm ich zwei Stufen auf einmal. Die Wohnungstür flog auf, und ich stürmte hinein, direkt zum Balkon.
Das rote Licht war weg.
Ich riss die Balkontür auf und schaute nach draußen. Nichts. Kein Schlitten, keine Rentiere, kein Weihnachtsmann. Nur die kalte Winterluft und unser normaler Balkon mit den bunten Lichtern.
„Habt ihr ihn gesehen?“, rief ich in die Wohnung. „Habt ihr den Weihnachtsmann gesehen? Da war ein rotes Licht! Rudolfs Nase!“
Tante Lisa schaute von ihrem Kaffee auf. Onkel Klaus kratzte sich am Kopf. Die Cousinen zuckten mit den Schultern. Alle schüttelten sie die Köpfe.
„Ein rotes Licht? Nein, mein Schatz, hier war niemand“, sagte Mama und strich mir über den Kopf.
Aber ich hatte es doch gesehen! Papa auch! Ich schaute zu ihm, und er zwinkerte mir wieder zu, sagte aber nichts.
Dann fiel mir der Wohnzimmertisch auf. Wo vorher nur Teller und Tassen gestanden hatten, lagen jetzt bunt verpackte Geschenke! Der Weihnachtsmann war also wirklich da gewesen!
„Er muss einen Trick gehabt haben“, flüsterte ich Papa zu. „Einen Zaubertrick, damit ihn niemand sieht.“
„Bestimmt“, antwortete Papa leise. „Der Weihnachtsmann ist sehr schlau.“
Ich dachte nicht weiter darüber nach. Das Wichtigste war: Die Geschenke waren da! Der Weihnachtsmann war gekommen, auch wenn niemand ihn gesehen hatte – außer mir und Papa, zumindest ein bisschen.
Der Rest des Abends verlief wie immer. Wir aßen zusammen, lachten viel, und dann, endlich, durften wir die Geschenke auspacken. Ich riss das Papier von meinen Paketen und freute mich über jedes einzelne.
Aber das Schönste an diesem Weihnachtsfest war nicht das Spielzeug unter dem Baum.
Es war der Spaziergang mit Papa durch den verschneiten Park. Es war das Glitzern des Eises unter unseren Füßen. Und es war dieses magische rote Licht am Balkon, das nur wir beide gesehen hatten – ein kleines Geheimnis zwischen mir, Papa und dem Weihnachtsmann.
Als ich später im Bett lag, müde und glücklich, schaute ich noch einmal aus dem Fenster in die Sternennacht. Irgendwo da draußen flog der Weihnachtsmann weiter, von Haus zu Haus, mit Rudolf und seiner leuchtend roten Nase.
Und ich wusste: Er war bei uns gewesen. Ganz sicher.

– Verfasst von unserem lieben Hannes –